The Last of Us 2
Das wohl am heißesten erwartete Spiel des Jahres hat es endlich auf unsere Konsolen geschafft und Naughty Dog präsentiert uns, nach unsäglich langem Warten, endlich The Last of Us 2. Kritiker überschlagen sich mit Lob, homophobe Menschen ärgern sich grün und blau und wir Spieler bekommen ein Spiel geboten, das uns kopfschüttelnd und ungläubig zurücklässt, da wir so viel geboten bekommen, dass es schlichtweg unvorstellbar viele Dinge mit uns macht. In der öffentlichen Debatte wird immer wieder die Frage gestellt, ob dieser AAA Titel ein Meisterwerk ist. Für mich stellt sich die Frage ein wenig anders.
Ist The Last of Us 2 das beste Videospiel aller Zeiten?
Ich möchte mit euch ergründen, warum diese Frage die einzig berechtigte Frage ist. Da es mir, ohne ein komplettes Buch zu schreiben, nicht möglich ist, euch die Story näher zu bringen, lenke ich den Blick auf andere Aspekte, die in meinen Augen, neue Maßstäbe setzen und jedwede Konkurrenz alt aussehen lassen.
Wir tauchen wieder ein in eine Welt, die bedingt durch eine Pilzinfektion, nicht mehr viel mit der zu tun hat die wir heute kennen. Über ungefähr 30 Stunden befinden wir uns in einer Welt, in der wir in ständiger Angst vor Zombies und Menschen leben. In der sich die Überlebenden gegenseitig zerfleischen. In der die Natur auf beeindruckende Art und Weise die „Krankheit Mensch“ auszurotten versucht. Das alles wird uns unnachahmlich präsentiert.
Es gibt Titel die uns hautnah miterleben lassen, was passiert, wenn wir Teil einer großartigen Geschichte sind. Es gibt Titel die uns emotional tief berühren und uns für einen Moment vergessen lassen, dass nichts davon real ist. Das wir hier nur ein Videospiel spielen. Es gibt Titel bei denen Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen. Und es gibt The Last of Us 2. Ein Titel, in dem die Grenzen zwischen Spiel und Realität so häufig und intensiv verwischen, dass mir nichts Vergleichbares einfällt. Der Spieler wird derart heftig in die Geschichte hineingesogen, dass sich zu erwehren keinen Sinn hat. Es ist geradezu erschreckend, wie nahezu alle Facetten des Spiels, Spuren fernab von Grenzen zwischen Realität und Fiktion hinterlassen und diese klare Abtrennung für nichtig erklärt. Was mich aber absolut überwältigt ist die Tatsache, dass dieses Verwischen der Grenzen auf so tiefgreifenden und unsagbar vielen Ebenen abläuft. In jedem (!) mir bekannten Videospiel, gibt es zumindest einige Merkmale um uns begreifen zu lassen, dass wir hier in diesem Moment ein Spiel spielen. Diese können zum Beispiel Dinge wie die Story selbst, die Grafik des Spiels oder einfach nur die Bewegung oder Handlungen der Figuren sein. Schon die Art und Weise wie in Videospielen getötet wird, lässt uns begreifen, dass über Allem am Ende dann eben doch das Wort Spiel steht. Was aber, wenn selbst diese Grenze hin zur Realität so schemenhaft wird , dass sie einfach verschwindet?
Seit dem Ende des ersten Spieldurchgangs überkommt mich immer wieder ein Gefühl, welches ich lange nicht zuordnen konnte. Nachdem einige Tage vergangen sind, wurde dieses Gefühl klarer und vor allem verständlicher für mich. Es ist in einem Wort gesagt – Heimweh. Ich vermisse die Charaktere, die Rückeroberung der Städte durch die Natur, selbst die trostlosen Ruinen einst glanzvoller Häuser fehlen mir. Ich war Teil einer Welt, die sich so anfühlte, als gäbe es sie wirklich. Als bestünde mein Leben von hier an nur noch aus Überleben. Aus Kämpfen um Sicherheit und Land. Aus dem Ausführen und protokollieren meiner Patrouillen. Kurzum, als wäre diese die Eine Welt. Nichts in ihr hat mich daran zweifeln lassen nicht wahr sein zu können. Selbst die Infizierten und deren Auswüchse wirken im Kontext der Geschichte schlüssig. Nichts ist zu übertrieben oder wirkt „nicht echt“. Verletzungen oder andere Beeinflussungen unserer Charaktere sind unmittelbar zu spüren. Sie sind so zu spüren, wie wir es in der Realität erwarten würden. Jede einzelne Faser des Spiels kommt so real daher, wie es besser nicht hätte sein können.
Nahezu Alles in The Last of Us 2 kommt so intensiv, fast besessen detailliert und ergreifend daher, dass mir dafür die Superlativen ausgehen würden. Nie zuvor wurde dem Spieler so unglaublich viel Inhalt geboten und schier erdrückende Last auferlegt, als es hier der Fall ist. Es gibt so viel zu erleben, dass man mit dem Aufarbeiten des bisher Erlebten kaum nach kommt, da Naughty Dog uns unaufhörlich mit immer weiteren Geschehnissen, Schicksalen und Momenten konfrontiert. Es wird immer wieder berichtet, dass viele Spieler mehrere Pausen einlegen mussten, da sie schlichtweg überfordert waren mit dem, was innerhalb des Spiels passiert. Vergleiche mit wunderbaren Spielen wie Walking Dead oder Vailant Hearts reichen hier bei Weitem nicht aus. The Last of Us 2 übersteigt alles bisher dagewesene um Längen! Man wird als Spieler an Grenzen gebracht, von denen man selbst nicht wusste dass diese überhaupt existieren. Das wir hier über ein Videospiel reden, lässt diesen Fakt gleichzeitig erschreckend wie beeindruckend erscheinen.
Das Aussehen der Charaktere, Orte und Gegenstände sind so realitätsnah, dass man allein dadurch schon beeindruckt sein sollte. Was aber wenn die ganze Interaktion so flüssig und real abläuft, dass man auch hierbei nicht merkt, dass man gerade ein Spiel spielt? Willkommen bei The Last of Us 2! Motion Capture ist ja bekanntlich schon seit geraumer Zeit ein großer Freund von Videospielen. In welcher Form uns das hier aber präsentiert wird ist einfach nur unfassbar! Von der ersten bis zur letzten Sekunde des Spiels wird uns hier etwas geboten, das so flüssig daher kommt, wie ich es zuvor noch nie erlebt habe. Nicht einmal habe ich eine Situation durchmachen müssen, in der die Steuerung hakt oder Glitches uns zu ungewollt komischen Bewegungen zwingen. Alles ist wie aus einem Guss. Ob eigene Personen, die Umwelt, Gegner oder Gegenstände, alles reiht sich in einen Fluss aus purer Harmonie ein. Nichts, aber auch wirklich gar nichts wirkt unecht oder nur aus Pixeln bestehend. Jede Aktion kommt so natürlich und physikalisch korrekt daher, dass man alleine auf Grund dieses Merkmals auf die Knie gehen möchte um Danksagungen gen Himmel zu schicken. Man muss dieses irre Feature einfach selbst erleben!
Neben der Optik sticht vor allem der Sound hervor. Ich kann mich nicht erinnern einmal die Geräuschkulisse eines Spiels in einem meiner Artikel behandelt zu haben, aber hier komme ich nicht drum herum. Voraussetzung ist jedoch das Spielen mit Headset! Bis auf einige Momente, in denen Konversationen räumlich nicht zuzuordnen sind, wird uns hier ein Sound geboten, der nicht besser hätte sein können. Ihr hört jedes noch so kleine Detail, jede noch so kleine Bewegung, jeden einzelnen Regentropfen der auf kalten Stein tropft. Besonders in Kämpfen sorgt allein der Sound dafür, dass man sich zugleich zu Tode erschreckt und teilweise ekelt, da man wohl noch nie zuvor in dieser Intensität das Geräusch von brechenden Knochen oder eingeschlagenen Schädeln gehört hat. Doch nicht nur in aktionsreichen Momenten kommt die Qualität zum tragen. Gerade in den leisen Momenten wird uns hier etwas geboten, das diese großartige Geschichte und deren Charaktere nicht nur untermalt, sondern tatsächlich mit gestaltet. Ich kann noch immer nicht glauben was ich hier erleben durfte..
Da die Gewalt im Spiel bereits mehrfach angesprochen wurde, möchte ich noch einmal genauer darauf eingehen. Einige stellen die Frage, ob man in einem Videospiel eine derart intensive Gewaltdarstellung implementieren sollte oder ob dies überhaupt notwendig ist. Meine Antwort ist so einfach wie kurz. Ja! Wie könnten wir uns in eine Welt begeben, in der es fast ausschließlich um das nackte Überleben geht, in der das Gesetz des Stärkeren zählt, die rau und erbarmungslos ist, ohne das vllt. substanziellste Merkmal genauso ehrlich und ungeschönt aufzuzeigen? The Last of Us 2 schreckt nicht davor zurück, eben genau diese Gewalt in einer Art und Weise einzubinden, wie es besser nicht sein kann. Nicht weil es ein nettes Gimmick ist oder beeindruckend aussieht, sondern weil es nur durch das Aufzeigen der kompletten Welt gelingt, den Spieler derart zu überwältigen. Es gibt hierbei keine Wahl zwischen den einzelnen Facetten dieser Welt. Es kann nur das komplette Paket geben oder eben nichts! Und aus meiner Sicht macht alles andere einfach auch keinen Sinn. Jedes noch so kleine Detail ist notwendig und unabdingbar, um uns das Gesamtwerk so eindrucksvoll aufzuzeigen, wie es hier passiert. Dass dies aber auch noch auf eine derart schonungslose Art und Weise geschieht, lässt mich an dieser Stelle keine Worte finden. Wenn in The Last of Us 2 getötet wird, passiert dies nicht mit klaren Schnitten oder sauberen Schüssen. Es wird mit allen Mitteln und Wegen gekämpft, seien diese noch so schmutzig oder verstörend. Wir haben es nicht mit professionellen Auftragsmördern zu tun sondern mit normalen Menschen, die, um an ihr Ziel zu kommen, jedes erdenkliche Mittel nutzen. Die Gewalt ist stumpf, unsauber und blutig. Sie ist aber vor allem eines – genau richtig. Wie kann man erwarten dass ein Mensch sauber und abgeklärt tötet, wenn er dies noch nie gemacht oder gelernt hat? Nein, wir kämpfen mit allen Mitteln die uns zur Verfügung stehen. Ob Kratzen, Beißen oder Spucken, wir wollen nur eines, überleben. Das alles wird so detailverliebt und schonungslos gezeigt, dass man an dieser Stelle einfach nur sagen muss, dass es so etwas noch nie in einem Spiel gab! Die sich windenden Körper, die verkrampften Gesichter, die weit aufgerissenen Augen eines Menschen der erstickt. Uns wird die Bedeutung von Leben und Tod auf solch eindringliche Art vermittelt, dass selbst Filme das Ausmaß von Handlungen, vor allem im Bereich der Intensität, nicht besser aufzeigen können. Jeder Mord und jede gewalttätige Handlung lässt den Spieler im Glauben, hier gerade einen realen Menschen aus dem Leben gerissen zu haben und lässt uns mehr als einmal überlegen, ob der nächste Gegner tatsächlich sterben muss oder ob wir nicht doch in Frieden ans Ziel gelangen können. Unfassbar!
Aber als wäre das noch nicht genug, setzten die Macher des Spiels dem Ganzen noch die Krone auf, indem sie auch Blickwinkel und Zeitlinie immer wieder kollidieren lassen. Das Spiel und vor allem die Story zwingen uns immer wieder dazu, Dinge zu tun, die wir anfänglich ohne mit der Wimper zu zucken ausführen. Im Laufe der Geschichte aber kommen immer mehr und mehr moralische Einwende, die uns wie ein Strick um den Hals beengen und den Griff immer enger und enger werden lassen. Wir werden dazu gezwungen Dinge zu tun, gegen die wir uns mit jeder Faser unseres Körpers wehren. Wir sitzen kopfschüttelnd und ungläubig vor unserer Konsole, in der Hoffnung irgendeinen Weg oder eine Tastenkombination zu finden die uns davon abhält das Anstehende durchleben zu müssen. Wiedereinmal spüren wir als Spieler, nein als Mensch eine Grenze, von der viele nicht wussten dass diese zu erreichen ist. Diese Twists innerhalb eines Spiels, die dazu nicht besser hätten sein können, sind einfach sinnbildlich für ein Meisterwerk, welches die Geschichte der Videospiele nachhaltig prägen wird und in das wir immer wieder aufs Neue eintauchen werden. Wir werden immer wieder aufs Neue nach Hause kommen. Wir werden immer wieder aufs Neue leiden, lachen, trauern und Angst haben. Wir werden immer wieder aufs Neue, das in meinen Augen beste Spiel aller Zeiten spielen..
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